Die Situation älterer Menschen in Zeiten von COVID-19

Autoren: Marc Brandstätter, BScN und Claudia Schwab, BScN

Die Corona-Krise ist auch für ältere Menschen und deren soziales Umfeld eine besondere Herausforderung. Durch eine gezielte psychosoziale Begleitung in der Pflege können hier Betroffene, aber auch Personen aus dem sozialen Umfeld unterstützt werden. Grundlage hierfür stellt eine personenzentrierte Beziehungsgestaltung dar, die immer als Grundvoraussetzung in einer hochprofessionellen Pflege des alten Menschen zu sehen ist.

Nach Ansicht von Experten*innen sind vor allem ältere Menschen mit vielen Erkrankungen besonders von Corona gefährdet. Fallweise könnte jedoch der Eindruck entstehen, dass genau diese Gruppe von Menschen die Gesamtproblematik nicht besonders ernst nimmt. In den letzten Wochen haben sich viele betagte Menschen von ihren Kindern, Enkelkindern und anderen regelmäßigen Besuchern im Stich gelassen gefühlt. Hier sind die Betreuungspersonen, aber auch die Angehörigen, häufig mit Ängsten, Aggressionen, Unsicherheit oder vermehrtem Rückzug der Betroffenen konfrontiert.

Daher muss das Ziel in der Pflege sein, die Akzeptanz der Krise sowie den damit verbundenen gesundheitspolitischen Vorgaben beim alten Menschen herzustellen. Ansonsten besteht keine Möglichkeit sich mit den Herausforderungen positiv auseinanderzusetzen, was zu einer vermehrten Belastung führen kann.

Konkrete Überlegungen zum Umgang mit alten Menschen in der Krise

Die Grundvoraussetzung für die Lösung von Krisen und derer Deeskalation ist eine wertschätzende und problemorientierte Grundhaltung. Dem Menschen dürfen seine Ängste und Sorgen nicht abgesprochen werden, das vorherrschende Problem muss anerkannt werden. Betreuungspersonen und/oder Angehörige müssen versuchen die Problematik des älteren Menschen zu verstehen und dessen Bedürfnisse nicht kleinzureden oder unmittelbar eine Lösung anzubieten, die nur für das Umfeld passt, aber nicht für den alten Mensch. Auf diesen Voraussetzungen bauen folgende Punkte für eine gelungene Kommunikation auf:

  1. Problemanalyse: Wie ist das Problem entstanden - „Was ist passiert?“; „Warum wurde es zum Problem?“; „Wie gefährlich bzw. wie belastend ist es?“.
  2. Reflexion: Mögliche Auslöser für das Problem gehören reflektiert. Als Beispiele sind hier emotionale Beteiligungen, veränderte Gewohnheiten und/oder Persönlichkeitsaspekte zu nennen.
  3. Lösungsmöglichkeit: Wenn ein akuter und leicht zu verändernder Krisenauslöser vorliegt, kann dieser unter Umständen einfach beseitigt werden. Z.B. Der ältere Mensch möchte gerne Kontakt mit seinen Enkelkindern haben, als Lösung können Telefonate, Skype oder Ähnliches ermöglicht werden. Besonders wichtig ist auch den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz in dieser Ausnahmesituation zu begegnen, hier kann ebenso mit technischen Hilfsmitteln gearbeitet werden.

Ist die Problematik sehr stark emotional behaftet (Ärger, Frust, Wut, Depression), sind biografische Aspekte beim alten Menschen aber auch beim Betreuer zu reflektieren. Häufig verhindern Werte, Normen, Schemata, Persönlichkeitsstrukturen, dass eine Lösung gefunden werden kann. Mit der Analyse der subjektiven Verarbeitung wird die emotionale Aufladung eines Problems reduziert und eine Deeskalation möglich.

Konkret bedeutet dies nun, den alten Menschen bei der Einhaltung gesundheitspolitischer Vorgaben zu unterstützen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass möglichst wenige negative Emotionen bei der betroffenen Person entstehen.

„So nah und doch so fern“

Häufig verstehen ältere Menschen nicht, warum sie ihre Liebsten nicht einfach in den Arm nehmen können und erleben Besuche dieser Art als belastend.

Beispiele aus der Praxis zur Krisenbewältigung

Um Unsicherheit und Angst zu lindern sowie die Autonomie jedes*jeder Einzelnen zu fördern, ist wichtig, die Botschaft zu vermitteln „selbst etwas in der Krise tun zu können“. Jede Person kann selber etwas zur Krisenbewältigung beitragen. Indem die Vorgaben der Bundesregierung eingehalten werden, wird Struktur und Sicherheit geschaffen. Kontakte zu reduzieren, Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten, sowie eine regelmäßige Händehygiene durchzuführen, ist ein Beitrag zum Gemeinwohl. Diese Maßnahmen sollten unter anderem auch dazu dienen, dass Krankenhauseinweisungen in Folge von COVID-19 Infektionen abgewendet werden und die Menschen in ihrer gewohnten Umgebung, ob nun zu Hause oder in Langzeitpflegeeinrichtungen verbleiben können.

Bedingt durch das Kernelement der nationalen Pandemie-Strategie „Social Distancing“ wurde für Einrichtungen des Gesundheitswesens zum Schutz der Bevölkerung auch ein Ausgangs- und Besuchsverbot ausgesprochen. Das Ausgangs- und Besuchsverbot hat leider auch weitreichende psychische, physische und soziale Folgen, wie zum Beispiel: Funktionaler Abbau, Gefühle des Alleingelassen seins, der Einsamkeit oder der Isolation. Dies führt neben den Betroffenen, auch bei Angehörigen und den Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen zu Gefühlen der Hilf- und Machtlosigkeit.

Daher stellt sich die Frage: Welche Interventionen können trotz „Social Distancing“, Ausgangs- und Besuchsverboten umgesetzt werden, um die negative Gefühlsspirale aller betroffenen Personen zu durchbrechen. Nachfolgende Beispiele stellen mögliche Optionen dar, die in der Pflegepraxis bereits erprobt sind und die Selbstmanagementfähigkeit der handelnden Akteure erhöht:

Langfristige Strategien

Da unklar ist, wie lange und in welchem Umfang die ergriffenen Maßnahmen des „Social Distancing“, der Ausgangs- und Besuchsverbote aufrecht erhalten werden müssen, sind weiterhin Strategien in der Pflegepraxis anzuwenden, um unsere zu Pflegenden und deren Angehörige sowie auch uns selbst, nicht nur vor COVID-19 Infektionen zu schützen, sondern auch von den Folgen der Einsamkeit!

Literatur