Mit 99 Jahren ist die Seele noch immer verletzt

Autorin: Maria Riedl

Diesen Titel (nach Colette Portelance, 2015) möchte ich durch ein Beispiel aus meiner pflegerischen und beraterischen Erfahrung erörtern. Er zeigt auch, dass Trauer kein Maß und keine Zeit hat, dass Trauern gut tut und dass man dadurch wieder Kraft erfährt (Baer und Frick-Baer, 2019).

Eine alte Dame feiert morgen ihren 99. Geburtstag. Als ich sie am Vorabend besuche, reden wir über das morgige Fest. Sie weint bitterlich und sagt: „Ich bin schuld, dass meine Mutter gestorben ist. Sie starb bei meiner Entbindung, ein paar Stunden nach meiner Geburt. Ich war das siebte Kind und genau da ist es passiert.“
Auf meine Frage, warum sie glaubte, dass sie schuld am Tod der Mutter habe, erzählte sie, dass sie ihre Geschwister und ihr Vater sie als Kind das spüren haben lassen. Sie war auch die einzige, die vom elterlichen Bauernhof nichts zugestanden bekam.

„Also war das die Strafe für meine Schuld. Morgen ist der Todestag meiner Mutter und mein Geburtstag. Ich wünschte, ich wäre gestorben und sie hätte leben dürfen. Mich hätte man damals nicht gebraucht, die Mutter von sechs Kindern sehr wohl.“
Sie weinte herzzerreißend. Nach einer Weile fragte ich, was denn helfen würde in dieser Situation? Sie meinte: „Ich muss am Abend vor dem Einschlafen für meine Mutter beten und sie um Verzeihung bitten. Ich muss auch für alle meine bereits verstorbenen Geschwister und für meinen Vater beten und sie alle um Verzeihung bitten.“
Sie faltete ihre Hände und fing an zu beten. Immer wieder floßen Tränen über das Gesicht. Nach einigen Gebetsminuten und Selbstgesprächen mit den Verstorbenen ging sie zu Bett. Ich verabschiedete mich.

Am Tag darauf bekam ich von ihren Enkeln ein kleines Video mit einem Geburtstagsständchen für Oma. Sie hatten zur Melodie getextet: „Wie schön, dass du geboren bist, sonst gäbe es uns alle nicht...“
Ich ging am Tag des Geburtstages voller Freude zur alten Dame und zeigte das Geburtstagsvideo. Ich musste ihr das Video ein paar Male vorspielen und wir machten daraus eine positive Affirmation, einen Zettel, auf dem geschrieben steht:

„Wie schön, dass du geboren bist,
sonst gäbe es uns alle nicht.“

Zudem machte ich ein Bildschirmfoto vom Video und überreichte ihr dieses. Sie zählte immer wieder die sieben Enkel und Urenkel und kam zum Entschluss: „Es ist doch gut, dass ich geboren bin, sonst gäbe es die alle nicht.“
Der Geburtstag verlief ohne Schuldgefühl und mit viel Freude.

Quellen: