Biographie einer Wunde

Autorin: Angelika Gryllis

Das IPK von Maria Riedl und die Biographiearbeit als integraler Bestandteil und Ressource des Wundmanagements im SWH Wörgl, Auszug meiner Projektarbeit im Rahmen der Weiterbildung „Wundmanagement 2018“

„Und wäre ich auch rhetorisch geschult und dialektisch trainiert, hätte aber kein Herz für mein Gegenüber, kein Gefühl für mich selbst und kein Gespür für die Situation, dann wäre all meine Kunst nur eine Optimierung von Sprechblasen ohne eine Verbindung von Mensch zu Mensch”
Schultz von Thun zum Thema Kommunikation, 2000

Die generelle Ausrichtung bei uns im Seniorenheim hinsichtlich Pflegekonzept und der damit verbundenen Biographiearbeit richtet sich nach den Grundsätzen des Integrativen Pflegekonzeptes nach Maria Riedl. Die Orientierung auf die biographische Prägung der einzelnen BewohnerInnen ist eine zentrale Voraussetzung für die Gestaltung der Lebensqualität im Heim, ein Punkt unseres Qualitätsmanagements.

Ein weiteres Kriterium umfasst Maßnahmen, welche die Ressourcen der BewohnerInnen erhalten und fördern. Dazu zählen Konzepte der aktivierenden bzw. begleitenden Pflege und Betreuung sowie deren Umsetzung. Auch die Förderung der gegenseitigen Unterstützung innerhalb der Einrichtung kann ein Hinweis auf relevante Maßnahmen sein.

Da ich 2014 die Ausbildung zum IPK Praxis­anwender erfolgreich absolvieren konnte und im Zuge meiner Arbeit auch in der täglichen Praxis immer wieder erleben kann, wie wertvoll sich dieses Pflegekonzept unter Berücksichtigung der körperlichen und psychischen Elementarfunktionen, Ressourcenförderung, Kenntnisse über Biographien und Copings der BewohnerInnen auch bei Langzeitwundbehandlungen oder sogar zur Prophylaxe bei der Entstehung von Wunden erweist, war es mir ein Anliegen, dies in meiner Facharbeit auch anhand eines Fallbeispiels zu veranschaulichen.

Besonders beeindruckt hat mich die Lebensgeschichte der Bewohnerin aus meinem Fallbeispiel, da sie trotz immer wiederkehrender gesundheitlicher und auch privater Tiefschläge nie den Mut verlor und mir mit ihrer Neugier an Neuem und ihrer humorvollen Lebensfreude auch im stolzen Alter von 98 Jahren ein herzliches Vorbild geworden ist und mir gezeigt hat, wie jung man auch im hohen Alter noch sein kann.

Auch im hohen Alter kann Selbstmanagement gefördert werden und zu gesteigertem Wohlbefinden und mehr Lebensqualität beitragen. Patienten mit chronischen Wunden sind oft ältere und hochbetagte Menschen. In diesem Lebensabschnitt leidet oft das Realitätsurteil, verursacht durch Anpassungsschwierigkeiten infolge biologischer oder psychischer Veränderungen, welche früher oder später merkbar werden.

Altern wird oft als regredierender Prozess beschrieben. Zur Vermeidung von Regressionsverhalten, welches nicht nur beim alten Menschen feststellbar ist, sondern auch bei jüngeren Menschen und Kleinkindern in besonderen Belastungssituationen, bietet sich die Biographiearbeit als Edukationstool zu jeder Zeit als wertvolles Hilfsmittel an.

Das Erkennen von Copings und Regressionsverhalten als Ressource ergibt sich aus der bewohnerbezogenen Biographie und den erarbeiteten Identitätssäulen. Besonders wichtig in der Praxis der Patienten- bzw. Bewohner-Edukation ist der pädagogisch günstige Moment. Ein ständiges aufmerksames Zuhören während der Erhebung der Biographie und die damit verbundene intensive Beschäftigung und ständige Interaktion mit dem Bewohner und auch den Angehörigen in der Langzeitpflege erleichtert dem Pflegepersonal und dem gesamten Team, eben diesen pädagogisch günstigen und so wertvollen Moment besser zu erkennen, womit eine bessere gemeinsame Zielvereinbarung möglich wird. Laut IPK nach Riedl ist Zeit die beste Maßnahme. Nichts also ersetzt ein Gespräch und die Beziehung zwischen BewohnerInnen und Bezugsperson.

„Nichts kann den Menschen mehr stärken, als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt“ (Claudel)

Ressourcenbaum von Angelika Gryllis

Es wurde im Rahmen meiner Projektarbeit mit der Bewohnerin gemeinsam ein „Ressourcenbaum“ erstellt und mit ihr vereinbart, morgens nach dem Aufwachen, wenn das Gefühl des „Zu nichts mehr nutz sein“ bei ihr am stärksten ist, auf die vergrößerte und laminierte Zeichnung an der Wand zu schauen und bewusst wahrzunehmen, dass der ganze große Baum voller „Stärken“ sei. So könne sie sich die ihr so wichtige innere Ruhe erhalten und ihre Identitätssäulen stärken.

Der Mensch steht im Mittelpunkt, somit wird auch die Pflege menschlich und bleibt es ebenso in Zeiten von Stress und Chaos. Man darf sich die „Mehrzeit“ für einen Verbandswechsel oder ein Gespräch nehmen, ohne ständig auf die Uhr zu sehen.
Wir können jederzeit in den Biographien lesen oder nachschlagen wie in einem Buch, denn das sind sie ja auch - Bücher des Lebens.

Aus Büchern können wir lernen und das Vertrauen der BewohnerInnen, in ihren „Lebensbüchern“ lesen zu dürfen, ist ein Geschenk, das es gilt, mit Respekt und Menschlichkeit anzunehmen.