Neues aus der Alzheimer-Forschung

Autor: Lothar Riedl

Kennen Sie den Unterschied zwischen Ursache und Wirkung? - Eine einfache Frage, die Antwort braucht nur ein wenig Hausverstand:
Die Ursache muss vorher bestehen, damit sie eine Wirkung auslösen kann. So unterscheiden wir den Verursacher einer Krankheit und die Symptome. Doch ist es immer so klar zu unterscheiden? Wenn etwa ein versteckter Verursacher mehrere Symptome erzeugt?

Dazu berichten Nike Heinen und Veronika Szentpetery-Kessler in der Zeitschrift Technology Review (02/2020: Der Keim des Vergessens. Heise Medien, Hannover): Ein Umdenken in der Alzheimerforschung scheint dringend notwendig. Bei Alzheimer-Patienten finden sich im Gehirn zwischen den sterbenden Nervenzellen Beta-Amyloide und Zelltrümmer, die sogenannten Plaques.
Die Forschung hielt die Amyloide für die Ursache von Alzheimer und entwickelte mit Milliarden von Euros Impfstoffe gegen diese Ablagerungen. Der Impfstoff wirkt gegen die Amyloide, kann aber Alzheimer-Erkrankungen nicht verzögern.

Die Hoffnungen von etwa 30 Millionen Alzheimer-Patienten auf einen Impfstoff sind vergeblich, sie sterben nach durchschnittlich sieben Jahren nach der ersten Diagnose am Verfall ihres Gehirns.

PET-Aufnahme des Gehirns eines Alzheimer-Patienten - kein Stoffwechsel im Hippocampus ⟨grün⟩, dem Zentrum des Gedächtnisses. Quelle: Technology Review 2020-2

Stephen Robinson, Neurowissenschaftler an der University of Melbourne, forschte lange an dieser Form von Demenz. Er sieht bei Pflanzen, Quallen und Wirbeltieren dem Beta-Amyloid ähnliche Peptide. Speziell der Nacktmull, ein Nagetier ohne Haare ähnlich dem Maulwurf besitzt Amyloid in hoher Konzentration. Er scheint resistent gegen Bakterien und Viren, kennt keinen Krebs und kann 30 Jahre gesund leben. Robinson vermutet, dass der menschliche Körper Beta-Amyloide bildet, um Krankheitserreger zu bekämpfen, dass Beta-Amyloide ein Symptom sind, aber nicht die Krankheitsursache.

Robert Moir, Neurologe an der Harvard Medical School in Boston, erkannte 2010 die Ähnlichkeit von Beta-Amyloid mit Immun-Peptiden im menschlichen Blut. Ein Standardtest für Antibiotika zeigte, dass Beta-Amyloid Bakterien hundertmal stärker abtötet als Penicillin. Er wies die Wirksamkeit von Beta-Amyloid im Tierversuch an Mäusen nach. Seine Theorie von der Infektion des Gehirns und der Immunabwehr durch Amyloide brauchte Jahre, um gehört zu werden.
Erreger wie die von Zecken übertragenen Borellien, der Syphilis-Erreger, das Mundbakterium Porphyromonas gingivalis und das Herpes-simplex-Virus könnten das Immunsystem des Gehirns überfordern.

Die Firma Cortexyme aus South Francisco entwickelte einen Impfstoff gegen den Auslöser von Paradontitis, Porphyromonas gingivalis. Sie fanden den Keim in über 90% in Gehirnproben verstorbener Alzheimer-Patienten.
2020 findet eine klinische Studie „GAIN“ an mehr als 573 Alzheimerpatienten statt. Es ist zu hoffen, dass damit Erfolge im Kampf gegen Alzheimer erzielt werden können.