Pflege am Puls von Zeitzeugen der Geschichte

Biografie IPK

Gedanken einer Pflegeperson zum Thema
Autorin: Gassler Michaela, DGKP

  • Von heute auf morgen endete ihre Kindheit, als die knapp Zehnjährige, am Bahnhof Frankfurt von ihrer Mutter mit dem letzten Kindertransport im März 1939 von Deutschland nach England geschickt wurde, in eine "fremden Welt und Sprache", um zu überleben. Die Mutter wollte später nachkommen. 1942 wurde die Mutter nach Sobibor (Polen) deportiert und ermordet; ...
  • Eine andere, damals junge, Frau arbeitete nach dem Krieg in Davos (Schweiz) als Haushilfe;
  • Das Konditorhandwerk sollte der junge Mann 1945 erlernen und den Betrieb des Vaters übernehmen, er wollte aber die Welt kennen lernen und wanderte - ohne ein Wort Englisch zu sprechen - nach Australien aus, und arbeite dort unter anderem als Arbeiter an der Sydney Harbour Bridge, bevor er nach 5 Jahren wieder nach Hause kam. Sein Vater erkannte ihn nicht mehr...
  • Mitten in einer Winternacht 1945/46 musste die damals zwanzigjährige Siebenbürgen-Deutsche mit ihrem 12 Monate alten Sohn ihr Zuhause verlassen. In einem Viehwaggon wurden sie über die Grenze nach Deutschland gebracht. Schnell erkannte sie, dass sie die Sprache der Besatzungsmächte erlernen musste, um sich an den Bahnhöfen, von den dort stationierten Soldaten, Informationen und Tipps zum Überleben holen zu können. Nach Seefeld wollte sie, denn sie hatte Nachricht bekommen, dass ihr Mann dort im Lazarett lag. „Ich habe alle vier Besatzungsmächte erlebt und konnte mit ihnen sprechen.“, erzählt sie.
  • Neun Jahrzehnte lebte sie in Seefeld, kam nie weit in der Welt herum, war nie verheiratet, aber sie nahm vier Kinder in Pflege bei sich auf als und sorgte für sie wie eine Mutter. Der Kontakt zu ihnen brach nie ab und sie freute sich über jeden Besuch „Ihrer“ Lieben.

Seniorenbank Endlos könnte man weiter die Geschichten aneinanderreihen, die hochbetagte Menschen erzählen könnten. Zeitzeugen der Geschichte – einer großen Geschichte! Als Pflegepersonen begleiten wir sie ein Stück weit und können da und dort Anteil nehmen an der Erinnerung von Zeitzeugen einer großen Geschichte – die letztlich auch Teil unserer Geschichte ist! Pflege arbeitet somit am Puls der Geschichte!

Manchmal öffnen sie sich, die „alten“ Menschen in unseren Heimen, beginnen zu erzählen und wir erhalten Einblicke in einzigartige Lebensgeschichten. Gerade Angehörige der Pflege sind den hochbetagten Menschen in der letzten Phase ihres Lebens oft näher als so manch anderer. Ob orientiert oder dement, mobil oder immobil, mit sich im Frieden oder verbittert, die uns Anvertrauten haben Wertschätzung und Achtung verdient.

Nicht immer sind es große, plakative Geschichten. Oft sind es die ganz kleinen Hinweise und das Nebenbei – Aussagen der Bewohner, die uns wertvolle Informationen geben, was sie vermissen, wünschen oder brauchen.

Es gehört zur Kompetenz in der Pflege, mit den Informationen der Bewohner sensibel und achtsam umzugehen und sie in der Pflegeplanung so einzusetzen, dass anstehende Pflegeprobleme positiv beeinflusst werden können.

Der wertschätzende Blick auf das Leben der Hochbetagten ist ein Kernelement unserer Berufsgruppe und lässt sich leichter aufbauen, wenn biografische Einblicke in das Leben der Menschen bekannt sind. Sie können zu mehr Verständnis für das Verhalten der uns Anvertrauten führen und erleichtern uns den Umgang mit hochbetagten Menschen im Pflegealltag.