„Oamol no hoam kemmen“

Seefeld Identität Psyche

Autorin: Gassler Michaela, DGKP

„Oamol no hoam kemmen“

Einen letzten Wunsch erfüllen dürfen

Unsere Identität ist meist auch unmittelbar mit jenen Orten verknüpft, in denen wir zu Hause waren und ein „Daheimgefühl“ entwickeln konnten. Wenn Menschen aus Krankheits-, Sozial- oder Altersgründen ihr „Dahoam“ dauerhaft verlassen müssen, bricht nicht selten eine tragende Säule ihrer Identität ein. Orientierung, Sinnhaftigkeit und das Gefühl der Verbundenheit mit dem eigenen Leben gehen leicht verloren. Besonders in der finalen Phase des Lebens gelingt es trotz aller Bemühungen seitens der Pflege oft nur stückhaft, eine Umgebung zu schaffen, welche ein neues „Dahoam-Gefühl“ ermöglichen kann.

Manchmal spüren wir in der Pflege, dass Menschen, die in ihre letzte Lebensphase kommen, noch einen „letzten Wunsch“ haben, der sie am Loslassen des eigenen Lebens hindert. Vielleicht ist es ein naher Angehöriger, den man noch einmal sehen oder mit dem man noch Frieden schließen möchte oder etwas anderes, das noch ungeregelt ist. Gerade auch der Wunsch, noch einmal „Hoam zu kemmen“, wird manchmal geäußert. Zur Äußerung solcher Wünsche braucht es eine gute Vertrauensbasis zwischen Bewohner und Pflegeperson. Nicht immer gelingt es, den Bedürfnissen von Sterbenden nachzukommen. Wo es aber ermöglicht werden kann, einen solchen „letzten Wunsch“ noch zu begleiten oder sogar zu erfüllen, dürfen wir erleben, dass bis zum Ende des Lebens Wunder möglich sind. In den letzten Monaten durften wir in der Seniorenresidenz Seefeld einige Male ein solches „Wunder“ erleben.

Oamol no hoam in die Leutasch. Des eigene Haus noamol segn!

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Oamol no hoam in die Leutasch. Des eigene Haus noamol segn. Diesen Wunsch teilte unsere Bewohnerin Hilde, bereits in der palliativen Phase ihres Lebens, mit kaum hörbarer Stimme einer unserer Pflegerinnen mehrmals mit. Die Bewohnerin war zu diesem Zeitpunkt bereits so geschwächt, dass wir Bedenken hatten, ob sie ein solches Unternehmen noch schaffen konnte. Aber ihr Wunsch war klar und eindeutig.
So fuhren Bettina und Barbara aus unserem Team mit Hilde, in Absprache mit den Angehörigen und dem Hausarzt noch einmal in die nahegelegene Leutasch, ihre „Hoamat“ – in „Ihr Dahoam“, und eine kleine Runde durch „ihren Hoamatort“. Es war beinahe unglaublich, welche körperlichen Reserven Hilde für diesen „letzten Ausflug“ noch mobilisieren konnte. Trotz der enormen Anstrengung war ihr die Freude und Zufriedenheit über diesen Ausflug noch während der nächsten Tage bei uns ins Gesicht geschrieben. Wenige Tage später konnte sie ruhig sterben.

Hoam zu Moma:

hoamkemman2 Ein weiterer Bewohner, der seit seinem siebten Lebensjahr durch einen Unfall körperlich behindert war und schon einige Jahre bei uns lebte, erkrankte im Herbst des vergangenen Jahres schwer. Sein Zustand verschlechterte sich in kurzer Zeit dramatisch. Immer wieder kamen während der Pflege seine Worte: „Hoam zu Moma“. Auf die Rückfrage, ob er noch einmal zu seinem Hof in die Leutasch heim wolle, nickte er immer wieder. Er wusste, dass seine Mutter nicht mehr lebte. Sie hatte ihn bis zu ihrem Tod zu Hause auf dem eigenen Hof gepflegt.

Seinen Wunsch „Hoam zu Moma“ konnten wir ihm mit Hilfe des Vereins: Rollende Engel aus Wels, im vergangenen Dezember dann erfüllen. Der Verein hat sich auf die Erfüllung ebensolcher letzter Wünsche spezialisiert, arbeitet professionell, finanziert sich durch Spenden und bietet seine Leistungen den Betroffenen kostenlos an. Im Folgenden darf ich den Bericht des Vereines über den Einsatz mit unserem Bewohner zur Verfügung stellen:

„Einmal noch nach Hause, um mich zu verabschieden!“ - 8. Dezember 2020

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Vor drei Tagen erhielten wir eine Wunschanfrage aus dem wunderschönen Seefeld in Tirol.
Herbert (Name geändert) erkrankte kürzlich an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Binnen drei Wochen verschlechterte sich sein Zustand enorm, sodass er nur noch liegen kann. Sein größter Wunsch wäre es, einmal noch nach Hause auf seinen eigenen Hof zu kommen. Dort all seine Familienmitglieder noch einmal sehen, mit ihnen gemeinsam ein paar Bissen zu essen und mit ihnen Zeit zu verbringen.

Unsere Wunscherfüller Astrid, Markus und Florian haben sich um diesen Wunsch angenommen und sind gestern bereits zeitig um 04:30 Uhr in der Früh aufgebrochen. Nach vier Stunden Fahrt im tief verschneiten, sonnigen Seefeld angekommen, lernten sie Herbert kennen. Es ging ihm leider nicht sehr gut. Seine Augen konnte er kaum öffnen, so schwach und müde war der 61-jährige Tiroler. Gemeinsam mit dem Personal der Seniorenresidenz Seefeld schafften sie es, ihn transporttüchtig zu machen. „Herbert, es geht Hoam! Dei Familie woartet scho auf di“ sagten ihm die Pflegerinnen mehrmals ins Ohr und man sah, dass er sich darüber sehr freute. Angekommen im Haus seiner Cousine wurden sie freudig erwartet. Die gesamte Familie war anwesend und freute sich darüber, dass Herbert jetzt noch einmal zu ihnen kam.

Es wurde aufgekocht und Jugendgeschichten von ihm erzählt. In dieser Zeit erfuhren wir, dass die Familie mit Herbert auch noch einmal gerne auf seinen eigenen Hof möchte. Dieser ist nur wenige Kilometer entfernt. „Einmal noch in die Stube, wo er mit seiner bereits verstorbenen Mutter und seinem verstorbenen Bruder aufwuchs und noch einmal die Kerzen am Adventkranz anzünden, wäre sein allergrößter Wunsch“, so seine Cousine.

hoamkemman4 Auch diesen Wunsch wollten Astrid, Markus und Florian erfüllen und fuhren alle mit auf seinen Hof. Ein wunderschöner, alter Bauernhof mit einem kleinen, dunklen Vorhaus und einer sehr gemütlichen Stube mit Holzofen. Sie betraten mit Herbert die Stube. Die Geräusche, der Geruch, ... dies alles kam ihm sofort bekannt vor und er öffnete plötzlich die Augen. Die Familie war glücklich, streichelte ihm zärtlich über das Gesicht, hielten seine Hände und einige hatten Freudentränen in den Augen.

Wie früher wurde ein Adventkranz gebracht und zwei Kerzen entzündet. Auch brachten die Familienangehörigen zwei Bilder von seiner Mutter und seinem Bruder und stellten sie neben den Adventkranz. Herbert griff nach den Bildern, schaute sie an und sein Zustand verschlechterte sich binnen weniger Sekunden dramatisch, sodass mit medizinischer Behandlung begonnen werden musste. „Herbert was isch? Wilscht hiatzt gehn? Wilscht loslassen?“, fragten die Angehörigen und begannen zu weinen. Man bemerkte rasch, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war. Herbert wurde unverzüglich zurück in seine Seniorenresidenz gebracht, wo bereits das Personal auf ihn wartete. Unsere Wunscherfüller beendeten die Wunschfahrt noch in einem Beisammensein mit seinen Angehörigen.
(Verein - Rollende Engel. Billrothstraße 9/13. 4600 Wels. Tel: 0650 303 77 50. info@rollende-engel.at) - www.rollende-engel.at

Wenige Tage nach diesem „letzten Hoam kemen“ ist unser Bewohner bei uns in der Seniorenresidenz verstorben.

Dankbarkeit erfüllt uns, wenn wir mitwirken dürfen durch empathische Wahrnehmung und achtsame Sensibilität Bewohnern und Angehörigen gegenüber, guter Absprache mit Hausarzt und Hausleitung sowie mit Mut und Engagement, gemeinsam mit Organisationen wie dem engagierten Verein - Rollende Engel aus Wels, solche Wünsche wahr werden zu lassen.